"Germanistik ist sowohl ein Rede- als auch ein Schreibfach!
Konkret heißt das einerseits, dass wir in der Vorlesungszeit viel Zeit in den Präsenzseminaren verbringen und viel Austausch und Diskussionen im Plenum stattfinden. Die Gruppen sind (ausgenommen von Vorlesungen) meist eher klein und familiär, die Gesprächsatmosphäre offen und angeregt. Neben den Vorlesungen (frontal), werden in der Germanistik die Inhalte größtenteils im Seminar-Gespräch im Plenum vermittelt. Frei und oft ohne Folien werden die Texte besprochen, die vorher (online) zum Lesen zur Verfügung gestellt wurden. Die Beamer werden meist nur für Studi-Präsentationen genutzt (Präsis sind je 1x im Semester in Gruppen, unbenotet). Sonst schreiben die Dozierenden eher einzelne Stichpunkte auf die Kreidetafeln. Das Germanistikstudium alleine im Eigenstudium durchziehen zu wollen ist weder möglich, noch erwünscht (es herrscht Anwesenheitspflicht in den Seminaren!). Germanistik lebt vom regen Austausch in Präsenz.
Die Dozierenden sind alle sehr begeistert von ihrem Fach und inhaltlich kompetent. In Heidelberg forschen und lehren viele hochangesehene Professor*innen. Dennoch fand ich persönlich die meisten Dozierenden sehr offen, freundlich und aufgeschlossen. Viele kennen unsere Namen und grüßen uns auch außerhalb des Seminars.
Dass es oft keine Aufzeichnungen der Seminarinhalte gibt ist jedoch nicht weiter schlimm, da es im Germanistikstudium (nach den Einführungen) nicht um stumpfes Auswendig lernen von Fakten geht, sondern um persönliches Interesse und das Schreiben Literaturwissenschaftlicher Hausarbeiten. Die Seminare dienen also lediglich dazu den Blick zu weiten, mehr über ein Thema zu lernen und sich dann einen Aspekt davon rauszusuchen, zu welchem man persönlich weiter forschen möchte.
Im Germanistikstudium erwarten die Studierende viele Hausarbeiten. Jedes Proseminar oder Hauptseminar muss mit einer Hausarbeit (je. 15-20 Seiten) abgeschlossen werden. Für diese gibt es oft keine Deadlines und Fristen, was einerseits sehr viel Freiheit und Selbsbestimmung ermöglicht, andererseits aber auch viel Selbstorganisation und Selbstdisziplin verlangt. In meinem Studium verbringe ich also viel Zeit mit Schreibarbeit in der vorlesungsfreien Zeit, habe dafür aber insgesamt kaum Klausuren oder Abgaben während der Vorlesungszeit. Die Themen für die Hausarbeiten sind dafür immer frei wählbar und lassen sich ganz nach eigenen Interessen und Schwerpunkten wählen. Sie müssen lediglich mit den Dozierenden in einer Sprechstunde abgeklärt und bestätigt werden. Die Sprechstunden können im Semester jederzeit in Anspruch genommen werden zur Beratung und bei Fragen jeder Art. Die meisten Dozierenden sind sehr freundlich, offen für Forschungsideen und hilfsbereit.
In Heidelberg ist die Besonderheit, dass wir hier eine "Vollgermanistik" haben. Das heißt, dass wir hier ALLE DREI BEREICHE der Germanistik studieren und alle mit dem "Bachelor of Arts" abschließen (egal ob Lehramtsoption oder nicht). Das spezifische "Lehramtsstudium" kommt erst im Master of Education, davor haben wir den bildungswissenschaftlichen Anteil nur in den sog. "Übergreifenden Kompetenzen" (20LP). Dadurch kann man sich nach dem Bachelor noch problemlos umentscheiden, falls Lehramt doch nichts für einen ist. Dafür hat man genau das gleiche Studium wie Vollgermanist*innen, heißt man hat alle 3 Bereiche:
° NDL (= Neuere Deutsche Literatur, aka. alles an Lyrik/Dramatik/Epik ab 1650)
° Linguistik ( = Sprechen über Sprache, sprachliche Ebenen, Bedeutungen von Wörtern, Syntax, Sprachwandelerscheinungen, Dialekte usw.)
+ Mediävistik (= Mittelhochdeutsch, Minnesang (Bspw. Walther von der Vogelweide usw.), Mittelalter-Epik (Bspw. Nibelungenlied, Eneas, Parzival usw.)
Andere Unis haben meist nur NDL und Lingu im Germanistikstudium. Ich persönlich finde, dass Mediävistik nochmal einen ganz neuen Blick auf die deutsche Sprache ermöglicht, auch wenn man es fürs Lehramt theoretisch eigentlich nicht bräuchte."
Studierende/r im 7. Semester – 2025